Ort(s)_Geschehe(n)
8 KünstlerInnen – 7 Schauplätze – 1 Wattens

Fr 28.7. bis So 30.7. | vom Dorfzentrum bis zum Marienplatz

ORT(S)_GESCHEHE(N) stellt Tradition und Moderne, Brauchtum und Erneuerung auf künstlerische Weise gegenüber. Dabei zeigt sich, dass Neues nicht durch den Bruch mit Vertrautem, sondern schon durch dessen schlichte Umgestaltung entstehen kann. So werden altbekannte Plätze und Örtlichkeiten neu erlebbar gemacht und mit alternativen Erfahrungen und Ideen aufgeladen. Zu sehen sind Werke, die Wattner BewohnerInnen, Vereine und Räume thematisieren. 

Ein Projekt von Verena Nagl in Zusammenarabeit mit dem Kulturverein Grammophon, Wattens, Tirol.

KünstlerInnen, Projekte und Schauplätze:
Isabella Kohout & Tobias Zarfl: Kollektives Wohnzimmer (Musikpavillon)
Sappy Rauth: Zeitkapsel (Dorfplatz)
Annette TesarekMembrane (Dorfzentrum, Krämerei: Fotos und Text zur Arbeit siehe unten)
Norbert Unfug: Ewige Gaststube (Krämerei)
Christoph Fink: Frozen Memories (ehem. Gasthof zum Tiroler)
Rudolf Strobl: Vereinsleben (Kirchturm Marienkirche)
Christian Rupp: Kommunizierende Biergefäße (Arkadenhof Marienkirche)

Aufbau MEMBRANE am Baugerüst entlang des Heimatkundemuseums Wattens: 

Ansicht ehemaliger Gasthof zum Tiroler, Wattens:

Annette Tesarek

MEMBRANE (2017)
Fotoarbeit zum “ehem. Gasthof zum Tiroler”, Wattens

Annette Tesarek hat den Gasthof zum Tiroler in den Fokus ihrer Arbeit gestellt. Das Gebäude steht im oberen Ortsteil von Wattens, ist seit längerer Zeit unbewohnt, und soll unter Berücksichtigung der Auflagen des Bundesdenkmalamtes umgebaut werden. Die Künstlerin hat den ehemaligen Gasthof von innen und außen fotografiert, um den derzeitigen Zustand des Gebäudes festzuhalten. Dabei ging es ihr darum, die Ausstrahlung einer langsam mit der Zeit verfallenden Architektur und Inneneinrichtung einzufangen und den Augenblick zu archivieren.

Das Haus ist in Mischbauweise gebaut, die Bausubstanz im Keller und Erdgeschoss reicht teils bis ins 16. Jhdt. zurück. Die Holzbauweise im Obergeschoß und Dachgeschoß stammt von 1920 und wurde von Zimmermeister Thomas Mayrl errichtet. Es zeichnet sich durch eine zeit- und regionaltypische Ausprägung aus, etwa durch die ornamental ausgesägte Bretterbrüstung und die Treppengeländer, und ist daher von geschichtlichem, künstlerischem und kulturellem Interesse.

Im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur lotet Annette Tesarek den künstlerischen Bildraum als Insel zwischen Erinnerung und Vergessen aus. Ihre Fotoarbeiten fungieren dabei als Medium zwischen Vergangenheit und Gegenwart und dokumentieren den momentanen Zustand eines in die Jahre gekommenen Gebäudes. Indem die so entstandenen Aufnahmen im öffentlichen Raum präsentiert werden, kommunizieren sie die Ergebnisse ihrer künstlerischen Forschung einem breiteren Publikum.

Zunächst hat das äußere Erscheinungsbild des ehem. Gasthofs zum Tiroler, besonders der Holzbalkon und dessen Bemalung, das Interesse der Künstlerin geweckt, sich diesem Gebäude fotografisch zu nähern. In der Auswahl der Fotografien konzentriert sie sich auf den Blick von innen nach außen und von außen nach innen. Dabei rücken atmosphärische Details, wie eine zerbrochene Fensterscheibe oder rostige Schlüssel der Gästezimmer ins Bild. Ebenso wie Begegnungen zwischen Natur und Kultur, die sich an Pflanzen zeigen, die begonnen haben, das Gebäude zu erobern, werden auch vom Regen ausgewaschenes Holz an der Außenfassade, sowie vertrocknete Blätter in Betonritzen und zwischen Gitterstäben mit der Kamera fokussiert.

Eine Auswahl dieser Aufnahmen in der Größe von ca. 2,5 x 1,5 m ist im Rahmen des Projektes ORT(S)_GESCHEHE(N), "Mnemosyne", an dem Bauzaun um die Baustelle des zukünftigen Heimatkundemuseums in Wattens zu sehen.

Einige der Fotografien geben den Blick aus dem Inneren des Gasthofs wieder und bieten durch diese Umkehrung der Blickachse eine ungewohnte Perspektive. Details und Gegenstände aus unterschiedlichen Zeiten, z.B. werden das Abbild eines vor ca. 100 Jahren geschnitzten Treppengeländers und eine moderne Herdplatte von ca. 1980 auf einem verlassenen Küchenkastl aus den 1950-iger Jahren nebeneinander am Zaun befestigt. Die Künstlerin zeigt wie durch ein ungewohntes Platzieren Vergangenes aus einem Zeitraum von ca. 100 Jahren optisch in der Gegenwart komprimiert werden kann und durch dieses ungewöhnliche Nebeneinander neues entdeckt werden kann. Scheinbar belanglose An- und Einsichten bekommen für einen Moment die Aufmerksamkeit der Künstlerin und werden so zu künstlerischen Artefakten. Zusätzlich ist eine größere Serie an Fotografien in der Größe von 20x30 cm in einem temporären Ausstellungsraum zu sehen, die auch als Postkarten aufliegen.

Annette Tesarek und Philipp Levar 2017

 

Auswahl aus der Serie MEMBRANE, Fotoarbeiten vom ehemaligen Gasthof zum Tiroler, Wattens: © Annette Tesarek 2017